Zimmermeister Brunzel baute ein Haus – vor 117 Jahren in der Dunckerstraße

By | 1. Oktober 2013
Zimmermeister Brunzel Museum

Die gute Stube wurde um 1900 auch „kalte Pracht“ genannt, weil sie zum Herzeigen da war, nicht zum benutzen. Auch in der von damals erhaltenen Wohnung des Zimmermeisters Brunzel war das nicht anders.

Zimmermeister Brunzel war kein dummer Mann. Er wusste, dass Berlins Bevölkerung nichts dringender brauchte als Wohnraum, als er sich 1895 entschloss, zur Absicherung seiner Rente im Arbeiterbezirk Prenzlauer Berg eine Mietskaserne zu bauen. Und das tat er dann auch. Um die Vorstellungskraft etwas zu beflügeln: 1871, als Berlin Reichshauptstadt wurde, lebte etwa eine Million Menschen hier. Um 1900 hatte sich die Zahl verdoppelt. Damals lebten in einer Wohnung, die aus Küche, Stube und Schlafkammer bestand, gut und gerne fünfzehn Menschen, und in einem Bett schliefen bis zu vier Kinder. Manchmal wurde sogar noch ein Schlafplatz an den einen oder anderen Fabrikarbeiter vermietet. Normale Verhältnisse in einem Schwellenland. Indien ist in Deutschland also noch gar nicht so lange her, läppische hundert Jahre. Das alles erzählt Isabella Schneider, Kunsthistorikerin und  ehrenamtliche Mitarbeiterin des kleinen Gründerzeitmuseums Zimmermeister Brunzel in der Dunckerstraße 77.

In den Stadtwohnungen, die die Domäne der Ehefrau waren, wusch man die Kinder und die Wäsche, kochte am Ofen und nähte in Heimarbeit, um das Einkommen der Familie aufzubessern. Die Stube, der größte Raum der Wohnung, war nicht für den Alltag gedacht. Hier wurden Gäste empfangen und Feiertage begangen, den Rest des Jahres lagen Schonbezüge über dem roten Samt der Polstermöbel. Die Wohnungen im Vorderhaus hatte der Zimmermeister im Gegensatz zu den günstigeren in den Seitenflügeln und im Hinterhaus mit innenliegender Toilette ausgestattet. Die ärmeren Mieter mussten mit Toiletten auf halber Treppe Vorlieb nehmen. Es gab hier auch schon fließendes Wasser, aber fließendes Wasser war für Berliner zu jener Zeit alles andere als geschätzt. Das lag am hohen Eisengehalt des aus Bohrungen gewonnenen Grundwassers.

In einer gut ausgestatteten Wohnung wie dieser werden damals kleine Angestellte und Beamte gewohnt haben. Arbeiterfamilien hätten sich diesen Standard nicht leisten können. Es war sogar für bestimmte minderbemittelte Familien üblich, in fertige, aber noch feuchte Wohnungen zu ziehen und diese trocken zu wohnen. Sie bezahlten nur mit ihrer Gesundheit, Miete kostete es sie nicht, und es gab genug Menschen, die froh waren, irgendein Dach über dem Kopf zu haben – auch wenn man sich fragt, wie gemütlich so eine feuchte Wohnung im Winter gewesen sein mag. Wer aber die Beletage bewohnte, in der auch die Schauwohnung liegt, hatte es für die damalige Zeit recht gut getroffen, und des Zimmermeisters Plan, für seinen Lebensabend vorzusorgen, hätte eigentlich gut und gerne aufgehen können. Tat er jedoch nicht: Denn schon bald konnte er die Zinsen für seine Investition nicht mehr bezahlen, und die Immobilie wurde zwangsversteigert. Nur sein Hut, oder zumindest einer wie er ihn hätte tragen können, hängt immer noch im Flur, als wäre er gerade kurz auf einen Schnaps in die Eckkneipe hinuntergegangen.

Besucherinformationen:

Anschrift: Zimmermeister Brunzel, Bauen und Wohnen in Prenzlauer Berg um 1900, Dunckerstraße 77, 10437 Berlin. Öffnungszeiten: täglich außer mittwochs von 11 bis 16:30 Uhr. Preise: Erwachsene 2 Euro, Jugendliche bis 18 Jahre die Hälfte.

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