Die Besonderheit des Alltäglichen – eine DDR-Museumswohnung in Hellersdorf

By | 11. Oktober 2013
Plattenbau DDR Wohnung Hellersdorf

Im Hellersdorfer Weg 179 ist vor dreißig Jahren die Zeit stehengeblieben. Eine Museumswohnung erzählt vom Leben in der Platte.

So viel Zeit ist gar nicht vergangen. Die Platte in Hellersdorf stammt von 1986, und trotzdem kann man in ihrer Museumswohung ein Land besichtigen, das es nicht mehr gibt. Immer sonntags zwischen 14 und 16 Uhr öffnet dort jemand die Tür im ersten Stock, wenn man auf den Klingelknopf drückt. Schon der Geruch ist ungewohnt, und der Bodenkontakt auch. Ein grauer, weicher Kunststoff bedeckt die Fußböden. Sehr nützlich, um Schall zu schlucken, sehr empfindlich, wenn einmal etwas Hartes runterfällt, denn dann hat man sofort Löcher im Belag.

Die Wohnung wirkt, als hätte eine Familie sie vor dreißig Jahren hinter sich abgeschlossen und danach einem Schlaf überlassen, der bis heute anhält. Man fühlt sich als Voyeur, während man die Räume erkundet, wie jemand, der unerlaubt in fremdes Terrain eindringt. Zu allem Überfluss wird man dann auch noch aufgefordert, ruhig in die Schränke zu gucken. Im Schlafzimmerschrank hängen Kittelschürzen, in der Garderobenschublade liegen Kerzen, ein Stück Seife, Krimskrams. Auf der Spüle stehen alte Reinigungsmittel, im Kinderzimmer altes Spielzeug.

Wer die Familie war, die hier gelebt hat? Ach, das war ein altes Ehepaar, und die Wohnung wurde erst nach ihrem Auszug so hergerichtet, wie es als sozialistischer Idealfall galt, mit hochwertiger Ostausstattung: einer Schrankwand aus den VEB-Möbelwerken Schleiz, einem FORON-Elektroherd und einem Farbfernsehen von RTF Straßfurt.

Die Wohnungsbaugesellschaft Stadt und Land ließ sich das Museum einfallen, zur Begeisterung vieler. Am vergangenen Sonntag kamen zu Besuch: eine alte Dame, die vor Jahren selbst so gewohnt hat, mit ihrer Enkelin, eine Schweizerin mit ihren beiden Töchtern, die den Museumsmann mit aufgerissenen Augen über die DDR-Geschichte ausfragte, und zwei Freundinnen, eine Bulgarin und eine gebürtige Hessin. Die Bulgarin sagte, es käme ihr nicht unwahrscheinlich vor, um die Ecke zu biegen und ihre Oma auf dem Küchenstuhl sitzen zu sehen.  In der Küche stand eine Flasche bulgarischen Weins. Nicht nur der wird mit den Jahren besser, auch das Empfinden für den Wert jener Zeit steigt. Auch durch solche Projekte.

Besucherinformationen:

Anschrift: Stadt und Land, Museumswohnung WBS 70, Hellersdorfer Straße 179, 12627 Berlin
Telefon: 0151/ 16114447 Öffnungszeiten: sonntags von 14  bis 16 Uhr, außer an Feiertagen, und nach Vereinbarung. Eintritt frei.

 

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