Konzertsalon mal anders – eine Pianowerkstatt wird zur Bühne

By | 21. Januar 2014
Pianosalon Christophori18

In den Uferhallen in Wedding befindet sich der Pianosalon Christophori, Werkstatt und Konzertsaal in einem.

Das ist Berlin. Man verabredet sich mit Freunden. Irgendwo in Wedding soll es ein Klavierkonzert geben, um Spenden wird gebeten. Man erwartet sich nichts, oder besser nicht viel. Man folgt dem blauen Pfeil auf Google Maps und findet schließlich die Adresse in der Uferstraße. Eine alte Werkhalle. Davor ein ausrangierter Bus, bunt besprüht, gleich nebenan ein improvisiertes Café. Und über dem Eingang weiter hinten auf dem Hof dann das grüne Schild. Klaviersalon Christophori.

In der Vorhalle sind auf große Platten Fotografien von Solisten aufgezogen, die hier bereits ihren Auftritt hatten. Daneben, als Kubus in die Halle gesetzt, befinden sich Toilette. Ein schwarzer Vorhang, dessen Anfang man kaum findet, bildet die Schwelle zum Saal, man wühlt sich durch die Dunkelheit und betritt eine Filmkulisse. So könnte man meinen. Der riesige Raum, von Sheddachfenstern tagsüber erleuchtet, von alten Lampen nachts, ist bis zum Rand angefüllt mit alten Flügeln. Wir befinden uns in der ehemaligen Motorenbauhalle der zentrale Omnibus- und Straßenbahnwerkstatt der BVG. Entsprechend groß ist der Raum, und doch angefüllt bis zum Rand. Da stehen sie hochkant, ohne Beine, Platz zu sparen, Flügel an Flügel, die auf ihre Restauration warten. In der Mitte des Raumes gibt es ein Podest, auf dem das neueste Prachtstück steht  – an diesem Abend ein Challen 255, der in einer Auflage von sechs Stück 1940 eigenes für BBC-Kammerkonzert-Aufnahmen erbaut wurde. Gespielt wird Bach, Debussy.

Vor dem Podest, vor der Bühne also, sind Stühle aufgestellt, insgesamt etwa 180 Stück. Man kann reservieren und findet im schmalen Gang, der zu den Sitzplätzen und der Theke mit Selbstbedienung führt, Listen, auf denen jedem Platz ein Name zugeordnet ist. Denn es wird voll, ausverkauft sozusagen.

Der Mann hinter den Kulissen, musikalischer Kurator und Restaurateur in einer Person, ist Christoph Schreiber. Seit 2004, also kaum ein Jahr nach Eröffnung seiner ersten Pianowerkstatt, gab es das erste Konzert. 2011 zog er in die Uferstraße um. Bis heute treten hauptsächlich junge Solisten im Pianosalon Christophori auf. „Das ist“, sagt Christoph Schreiber, „eine bewusste Entscheidung zur Nachwuchsförderung. Und außerdem braucht man auch einen gewissen jugendlichen Überschwang, um das Wagnis einzugehen, so zu spielen, und die Gagen sind ja durch den spendenbasierten Modus auch nichts für wirklich arrivierte Künstler und deren Agenturen.“
Inzwischen sind Auftritte hier dennoch so gefragt, dass er 80 Prozent der Anfragen negativ beantworten muss.

Ja, im Pianosalon Christophori spielen nur gute Musiker, wettbewerbserprobt und preisgekürt. Namensgebend war, wieder was gelernt, Bartholomeo Christofori, der Erfinder des Klavieres. Nicht alle Flügel, die hier stehen, werden wiederbelebt. „Es gibt viele interessante Sammlungsstücke“, sagt Christoph Schreiber, „aber auch hoffnungslose Fälle, die für Ersatzteile benutzt werden, gerade für Furniere oder die Mechanik.“
Während wir inmitten der alten Instrumente Platz nehmen, kommt eine gespannte Stimmung auf. Als das Konzert beginnt, ist die Konzentration allgemein. Es bleibt einem nichts anderes übrig in diesem Raum voller Musikgeschichte. Gerade das Gebrochene und nur noch Halbganze flößt einem Respekt ein. Wir lauschen gespannt und trinken Rotwein und lassen uns bezaubern. Es geht gar nicht anders.

Besucherinformationen:

Anschrift: Uferhallen, Uferstr.8, 13357 Berlin, Telefon: 0176/ 39 00 77 53 Kontakt: www.konzertfluegel.com Eintritt auf Spendenbasis.

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