Die Kirche St. Agnes in Kreuzberg – das It-Girl unter den Berliner Sakralbauten

By | 27. November 2016
Das Kirchenschiff von St. Agnes in Kreuzberg mit der Ausstellung "The Others"

Das Kirchenschiff von St. Agnes in Kreuzberg mit der Ausstellung „The Others“

Fünf Milliönchen (Morgenpost, 2. Mai 2015) statt der ursprünglich geplanten drei hat der Sanierungsumbau gekostet. Nicht zwei, sondern vier Jahre hat er gedauert. Doch am Ende, das nun zum Anfang wird, sind alle Beteiligten zufrieden: Im Mai 2015 ist das Facelifting abgeschlossen, der Eingriff geglückt. Die Kirche St. Agnes, 1967 radikal nachkriegsmodern von Werner Düttmann erbaut, eröffnet zum Gallery Weekend und ist schnell wichtiger als jede Ausstellung. Ein gutes Jahr später heimst sie den Architekturpreis Berlin 2016 ein.

Die Lorbeeren dafür können Galerist Johann König, der Bauherr, und Architekt Arno Brandlhuber, der Entwerfer der Transformation, untereinander aufteilen. Brandlhuber hatte König auf die vor sich hin marodierende Gottesfestung aufmerksam gemacht, die sich ausgezeichnet für Kunstaustellungen eignet, da ihr Hauptsaal weitestgehend fensterlos und nur durch zwei Lichtschächte und breite Oberlichtbänder mit Tageslicht versorgt ist. Ideale Bedingungen für die Kunst und offensichtlich auch für das kunstaffine Milieu, deren Anhänger die Kirche nun umschwirren. Sie beherbergt heute nicht nur die König-Galerie mit Shop, auch die Redaktion von 032C und das Architekturbüro Robertneun haben sich hier niedergelassen. Es wäre keine steile These zu behaupten, dass St. Agnes der neue place to be im Niemandsland modernistischer Wohnzeilen nahe dem U-Bahnhof Prinzenstraße ist.

Düttmann, seit 1960 Stadtbaudirektor von Westberlin, bettete seinen Kirchenentwurf stilistisch und formal in einen Kontext ein, den er selbst nach Prämissen der Moderne gestaltete. 700 Meter entfernt, gegenüber der Amerika-Gedenk-Bibliothek, befindet sich der Mehringplatz mit seinen kreisförmig angeordneten Sozialwohnungsbauten – ebenfalls nach Entwürfen des Stadtbaudirektors realisiert. Wiederaufbau und nackter, ehrlicher Beton waren in den Sechzigerjahren ein unzertrennliches Paar; und so wurde das Material auch für St. Agnes zum Mittel der Wahl. Düttmann entwarf die die Kirche samt Sakristei und Pfarrwohnungen für die katholische Gemeinde streng orthogonal; komponiert aus von Fensterschlitzen durchbrochenen Quadern, die er kunstvoll addierte. Der Bau war und ist roh, brut, wie man auf Französisch sagt, ein Kleinod des Brutalismus. Wer hätte da besser die Sanierungsaufgabe übernehmen können als unser Mann fürs Brutalistische, Alois Brandlhuber? Kein Architekt, der sein Galeriehaus in der Brunnenstraße nicht kennt, ganz aus Sichtbeton, mit Kunststoffpaneelen tansluzent verblendet. Im ersten Semester an der Bauhaus-Universität Weimar lernte ich, was tadaoandomäßiger Sichtbeton ist. Nach der Begehung von St. Agnes bin ich mir sicher, dass es auch so etwas wie brandlhubrigen Sichtbeton gibt.

Apropos Tadao Ando: Der Japaner hat beileibe nicht die sakrale Inszenierung von Beton und Sonne erfunden, wie sie ihn mit der Kirche des Lichts in Ibaraki berühmt machte. Düttmanns 22 Jahre ältere St. Agnes, wie auch viele andere Nachkriegskirchen, in Berlin angefangen bei Ludwig Lemmers Kaiser-Friedrich-Gedächtniskirche von 1957, beweisen es. Von Le Corbusier ganz zu schweigen. Nachdem ich im Erdgeschoss den Galerie-Shop und einen ersten Ausstellungsbereich betreten habe, erreiche ich über das Treppenhaus im Turm den großen Kirchensaal, in dem zurzeit „The Others“ zu sehen ist, eine Gruppenausstellung mit Arbeiten von zwölf Künstlern, die sich mit dem Motiv der Kreuzigung auseinandersetzen.

Eine fiebrige Wärme geht von den Betonwänden aus, deren grober Zementputz durch Brandlhuber und das Planungsbüro Emde Schneider erneuert worden ist. Boden und Holzdecke des Kirchenschiffs sind mit schmalen Stahlstegen in den Wänden verankert und lassen eine schlanke Fuge als Verbindung zum Erdgeschoss offen, ganz so, als bewegte man sich auf einer schwebenden Scheibe. Der Kontrast zwischen Massivität und Leere ist Düttmanns Thema für den Bau. Licht trifft ständig auf Masse. So erzeugt er ambivalente Gefühle zwischen Klaustrophobie und Befreiung: Beim Blick geradeaus entsteht Schwere, beim Blick in die verglaste Decke hinauf Weite. So entwickelt sich ein poetischer Gegensatz, kunstvolle Architektur, ganz für die Kunst.

Besucherinformationen:

Anschrift: Alexandrinenstraße 118-121, 10969 Berlin Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag von 11 bis 18 Uhr Telefon: 030/26103080 Kontakt: www.koeniggalerie.com Eintritt: frei

 

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